Gottesdienstansprache

60 jähriges Bestehen der Behindertenhilfe in der Christuskirche Othmarschen


Liebe Gemeinde,
heute feiern wir nach dem Gottesdienst nicht nur unser jährliches Sommerfest sondern auch das 60 jährige Bestehen der Behindertenhilfe in der Christuskirche Othmarschen.

Vor 60 Jahren kam ein Vater einer behinderten Tochter auf den Kirchenvorstand zu und regte an, eine Gruppe für Pfadfinder mit einer Behinderung in der Gemeinde einzurichten. Er hatte in einem Schwedenurlaub Pfadfinder mit einer Behinderung kennengelernt und war begeistert von der in der Gruppe gelebten Gemeinschaft. Er vertrat die Meinung ein solches Angebot müsste es doch auch Zuhause in Hamburg geben und wandte sich deshalb an den Kirchenvorstand der Christuskirche. Dieser nahm die Idee auf und erlaubte eine Pfadfindergruppe für Mädchen mit einer Behinderung. Schnell fanden sich weitere Mädchen die auch eine Behinderung hatten und so entstand die erste Pfadfindergruppe für Kinder mit einer Behinderung. Übrigens wohl die erste dieser Art in Deutschland.

Nach den Gruppenveranstaltungen mussten damals die behinderten Mädchen mit Taxen nach Hause gefahren werden. Um den Fahrdienst finanzieren zu können, gründeten die Pfadfinderinnen einen Chor, der Geld einsammelte. Erst einige Jahre später fand sich ein Unternehmer, der einen VW-Bus spendete.
Damals ging es auch darum die Kinder mit einer Behinderung aus der Isolation zu holen. Denn viele von Ihnen lebten abgeschirmt im Elternhaus oder großen Sondereinrichtungen. Die Teilnahme an einer Pfadfindergruppe war oft die einzige Möglichkeit der Freizeitgestaltung außerhalb der gewohnten schützenden Umgebung.

Natürlich wurden die behinderten Kinder älter und so wurde 1976 aus der Pfadfindergruppe ein Freizeitclub für Erwachsene und ich wurde ehrenamtlicher Helfer. Während es in den davor liegenden Jahren eher um die Befreiung aus der Isolation ging, folgte nun die Zeit, in der die Integration von Menschen mit einer Behinderung zum Schwerpunkt der Behindertenhilfe wurde. In dem ersten Club trafen sich 15 Menschen mit und 15 Menschen ohne Behinderung einmal in der Woche, um gemeinsam für zwei Stunden ihre Freizeit zu gestalten. Erstmals wurde nun auch regelmäßig der schützende Raum der Gemeinde verlassen und die Gruppe ging ins Kino, in die Schwimmhalle, zum Kegeln u.v.m. Der Grundgedanke war sich in der Gesellschaft zu zeigen, sich zu begegnen und aneinander zu gewöhnen.
Dies geschah in einer Zeit, in der es vorkam, dass uns auch mal der Zutritt in eine Disco verwehrt wurde, wir in einem Lokal einen gesonderten Raum zugewiesen bekamen, um die anderen Gäste nicht zu stören oder beim Minigolf gefragt wurden, ob wir den Parcoure auch zügig genug bespielen würden, damit wir die anderen Gäste nicht „behindern“.

Die Nachfrage nach freien Plätzen in den Pfadfindergruppen für Kinder mit einer Behinderung und in dem Club für die Erwachsenen mit einer Behinderung war riesig und die Behindertenhilfe wuchs stetig.
Um der Nachfrage gerecht zu werden, bewilligte der Kirchenvorstand im Jahr 2000 eine zweite Diakonenstelle in der Behindertenhilfe. So konnten weitere Freizeitgruppen für Menschen mit einer Behinderung eingerichtet und ein offenes Programm mit Tagesausflügen und Workshops wie Kochen oder Tanzen angeboten werden. Heute bieten wir insgesamt 10 Freizeitgruppen für behinderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene an. Fast alle Gruppen fahren auch auf Erholungsreisen.
Deshalb ist auch der Kollege Kolja Leuchte heute nicht hier, denn er ist mit einer seiner Gruppen für eine Woche in der Eifel unterwegs.

In den zurückliegenden Jahren hat sich aber nicht nur der Umfang der Angebote für Menschen mit einer Behinderung stetig erhöht, sondern auch der inhaltliche Schwerpunkt hat sich verändert. Ging es bis vor ein paar Jahren noch um die Integration von Menschen mit einer Behinderung in die Gesellschaft, so steht jetzt zunehmend der Gedanke der Inklusion im Vordergrund.
Inklusion heißt wörtlich übersetzt Zugehörigkeit, also das Gegenteil von Ausgrenzung. Wenn jeder Mensch – mit oder ohne Behinderung – überall dabei sein kann, in der Schule, am Arbeitsplatz, im Wohnviertel, in der Freizeit, dann ist das gelungene Inklusion.
In einer inklusiven Gesellschaft ist es normal, verschieden zu sein. Jeder ist willkommen. Und davon profitieren wir alle: zum Beispiel durch den Abbau von Hürden, damit die Umwelt für alle zugänglich wird, aber auch durch weniger Barrieren in den Köpfen, mehr Offenheit, Toleranz und ein besseres Miteinander.

Inklusion ist für Diakon Jan Stölting und mich auch, wenn z. B. auf unserem Sommerfest die Band „Grundton“ auftritt und sie nicht etwas Besonderes ist, weil die Bandmitglieder eine Behinderung haben, sondern weil die Art der Darbietung und die gespielten Songs einfach besonders gut sind.
Inklusion ist für uns, wenn sich Menschen mit und ohne Behinderung auf unseren Gemeindeveranstaltungen mit Respekt begegnen.
Ein Beispiel für gelebte Inklusion in unserer Gemeinde ist für mich , als im Jahr 2008 ein junges Pärchen , dass sich selbst als lernbehindert bezeichnete, aus einem von mir geleiteten Club auf mich zukam und den Wunsch äußerte kirchlich heiraten zu wollen. Nach dem üblichen Traugespräch unterstütze der damals zuständige Pastor dieses Anliegen. Im Mai 2008 fand dann in unserer Kirche die Trauung statt.
Das junge Paar ist nun seit 11 Jahren glücklich verheiratet. Ebenso glücklich wie andere Paare nach 11 Jahren Ehe auch.

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob
Diese Ermahnung stammt aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom. Paulus geht in einem längeren Abschnitt darauf ein, dass es Menschen gibt, denen Glaubensregeln wichtiger sind als anderen. Dieser Vers gibt den Lesenden zu verstehen, dass die gegenseitige Achtung trotz solcher Unterschiede eine höchst christliche Angelegenheit ist.
Ich finde dies ist ein gutes Beispiel für Inklusion und wenn wir als Gemeinde den Bibelvers aus dem Römerbrief 15. nicht nur auf der Zunge sondern auch in unseren Köpfen und unseren Herzen weitertragen, sind wir auf einem guten Weg.
Zum Schluss möchte ich noch auch im Namen der hauptamtlichen Mitarbeiter der Behindertenhilfe und des Kirchengemeinderates einen Dank aussprechen.
Wir danken den Menschen mit einer Behinderung für ihr Vertrauen darauf, dass wir ihnen stets auf Augenhöhe begegnen werden und ihren Lebensweg begleiten so lange sie es wollen und wir es können.
Wir danken den Eltern, für ihre Bereitschaft ihre Kinder oft erstmalig loszulassen und uns in der Behindertenhilfe anzuvertrauen.

Wir danken den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, dass sie uns ihre Kraft und Zeit für die Durchführung unserer Angebote zur Verfügung stellen und dafür z.B. auch bereit sind auf einen Teil ihres Urlaubs mit der Familie oder ihrem Partner zu verzichten.
Schließlich danken wir allen Unterstützern und insbesondere den Gemeindemitgliedern, die nicht nur finanziell die Behindertenhilfe unterstützen, sondern seit nun mehr 60 Jahren eine gelebte Gemeinschaft ermöglichen, die nicht nur in anderen Kirchengemeinden seines Gleichen sucht.
Vielen Dank!

Text Diakon Jörg Medenwaldt